Tag der wohnunglosen Menschen 2026 – Hinschauen. Aktiv werden. – Gemeinsam gegen Wohnungsnot.
Liebe Interessierte,
am Freitag, 11.09.2026 fand bundesweit der jährliche Tag der wohnungslosen Menschen statt. Auch in Esslingen haben die Träger der Wohnungsnotfallhilfe und angrenzender Dienste sich zusammengetan und Tolles auf die Beine gestellt!
Wir haben erlebbar gemacht, was es bedeutet, in einer 9m² großen Notunterkunft leben zu müssen. Wir standen für zahlreiche Gespräche mit Betroffenen, Vermietern, neugierigen Passanten zur Verfügung. Bei einer Tasse Kaffee konnten Menschen auch einfach Zeit mit uns verbringen.






Hier finden Sie die Rede unserer Geschäftsführerin Janina Baaken, die die Ehre hatte, den Tag zu eröffnen:
Eröffnungsrede – Tag der Wohnungslosen, Esslingen, 11. September 2026
Liebe Esslinger Bürgerinnen und Bürger, liebe Kolleginnen und Kollegen aus den sozialen Einrichtungen vor Ort, liebe Interessierte,
Armut betrifft jeden, uns alle!
Schön, dass Sie heute hier sind. Auf dem Bahnhofsvorplatz, mitten in der Stadt.
Wir wollten bewusst nicht in einem Saal stehen, hinter verschlossenen Türen. Wir wollen, dass Sie hinsehen.
Wohnungslosigkeit ist ein Thema, das sich hinter Aktenordnern nicht verstecken lässt. Es sind Menschen. Nachbarn, ehemalige Kollegen. Manchmal Menschen, die vor kurzem noch mitten im Leben standen – bis eine Kündigung, eine Trennung, eine Krankheit, eine Mieterhöhung kam. Wohnungslosigkeit beginnt selten mit der Straße. Sie beginnt mit einem Brief, den man nicht mehr öffnen mag.
Und sie wächst. Bundesweit waren zum Stichtag Januar 2025 rund 475.000 Menschen ohne eigene Wohnung untergebracht – acht Prozent mehr als im Jahr zuvor. Der Landkreis Esslingen gehört zu den am stärksten belasteten Kreisen im Land. Hinter dieser Zahl stehen Menschen, die heute vielleicht an diesem Stand vorbeigehen und sich fragen, ob sie stehenbleiben dürfen.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hält fest, dass jeder Mensch Anspruch auf einen Lebensstandard hat, der Gesundheit und Wohlbefinden sichert – und sie nennt Wohnen dabei ausdrücklich. Ganz bewusst, denn: Eine Wohnung ist mehr als vier Wände und ein Dach über dem Kopf. Sie ist Schutz. Sie ist Rückzug. Sie ist die Voraussetzung dafür, überhaupt am Leben, auch hier in Esslingen teilhaben zu können.
Wohnen ist kein Luxus. Es ist keine Belohnung dafür, dass jemand sich in unserem Gesellschaftssystem bereits besonders gut zurechtfindet. Es ist ein Recht. Wohnen ist ein Menschenrecht.
Und es ist oft die Voraussetzung für alles andere.
Und wer sie verliert, verliert selten nur die Wohnung. Er verliert die Postadresse, oft den Zugang zum Hausarzt, häufig die Arbeit, manchmal den Kontakt zu Menschen, die ihm nahestehen. Alles wird komplizierter. Jeder Tag wird zur Aufgabe.
Uns ist wichtig, Menschen in ihrer Eigenverantwortung und ihrer Selbstwirksamkeit zu stärken – das gehört zum Kern unserer Arbeit in der Wohnungsnotfallhilfe. Und trotzdem greift es zu kurz, jemandem nur zu sagen, er solle sich mehr anstrengen. Die richtige Frage ist eine andere: Was fehlt diesem Menschen, damit er diese Anstrengung überhaupt leisten kann? Und was müssen wir als Gesellschaft ändern, damit es gar nicht erst so weit kommt?
Wie groß das Ausmaß tatsächlich ist, zeigt auch die Hochrechnung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe: Über das gesamte Jahr 2024 betrachtet waren mindestens 1.029.000 Menschen in Deutschland zeitweise oder dauerhaft wohnungslos. Über eine Million – keine Akten: Menschen.
Wir sind heute hier, um zu zeigen: Der Weg zurück in ein eigenes Zuhause ist steinig. Mit den Akteuren der Wohnungsnotfallhilfe im Landkreis gibt es viele Hände, die dabei helfen. Aber wir stoßen Tag für Tag an unsere Grenzen. Zu wenig bezahlbarer Wohnraum. Eine überbordende Bürokratie, die Zeit und Ressourcen bindet, die wir als konkrete Angebote für die Menschen brauchen. Wir brauchen einen aktivierenden Sozialstaat, der individuelle und nachhaltige Unterstützung leistet und dauerhaft Armut und Wohnungslosigkeit bekämpft. Heute sind hier am Stand für Sie vor Ort und ansprechbar: der Kreisdiakonieverband Esslingen, der Tagestreff St. Vinzenz, die AWO, die Evangelische Gesellschaft, das Esslinger Jugendbüro und der Verein Heimstatt Esslingen. Wir sorgen für: Beratung in Notunterkünften und Aufnahmehäusern. Ambulant betreutes Wohnen. Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die eine Perspektive brauchen. Essensangebote, den diakonischen Grunddienst, tagesstrukturierende Angebote, Beschäftigung – all das, was Sie an den Ständen hier finden. Das ist gelebte, alltägliche, oft mühsame Arbeit von Menschen, die jeden Tag daran glauben, dass Stabilität der erste Schritt ist und nicht erst die Belohnung am Ende.
Was es jetzt braucht, ist für uns klar
Mehr Wohnraum, der bezahlbar ist – und der es auch bleibt.
Wir müssen früher und präventiv ansetzen, damit Menschen ihre Wohnung erst gar nicht verlieren.
Wer in Wohnungsnot gerät, muss schnell und ohne bürokratische Hürden Beratung und Hilfe bekommen, bevor sich diese Lebensrealität verfestigt.
Notunterkünfte dürfen niemandem die Würde nehmen.
Und wer selbst wohnungslos war oder ist, muss mitreden dürfen – nicht nur angehört, sondern ernst genommen werden und Teil der Gesellschaft sein.
Wir werden dieses Problem nicht mit einem Nationalen Aktionsplan zur Beendigung der Wohnungslosigkeit bis 2030 lösen, der weder mit konkreten Maßnahmen noch mit finanziellen Mitteln unterlegt ist.
Aber ich möchte heute auch etwas Grundsätzlicheres ansprechen. Etwas, das über Wohnungslosigkeit hinausgeht, aber sie im Kern betrifft.
Denn wir werden dieses Problem auch nicht lösen, wenn wir nur mit denen reden, die ohnehin schon unserer Meinung sind, und wenn wir Menschen, die anders denken, von vornherein aus dem Gespräch ausschließen. Auch hier lohnt es sich, hinzusehen, statt vorschnell zu urteilen. Es braucht den Mut, mit allen zu sprechen, die bereit sind, ernsthaft mitzudenken – über Gräben hinweg, die wir uns manchmal selbst zu schnell aufreißen.
Ich erlebe in meiner Arbeit, wie wichtig es ist, erst einmal zuzuhören. Jemanden nicht wegen seiner Herkunft oder Meinung abzuschreiben, sondern mit ihm an einer Lösung zu arbeiten.
Eine wache Demokratie lebt davon, dass wir miteinander reden, gerade dann, wenn es unbequem wird, dass wir hinschauen, statt wegzusehen und fragen, was wirklich hilft, statt zu fragen, wer recht hat.
Kommen Sie an die Stände. Reden Sie mit den Menschen, die hier arbeiten – und, wenn Sie mögen, mit Menschen, die selbst wohnungslos waren oder es sind. Stellen Sie unbequeme Fragen. Wir haben nicht auf alles eine fertige Antwort, aber die Bereitschaft, zuzuhören und gemeinsam nach dem zu suchen, was tatsächlich trägt.
Wohnungslosigkeit beginnt oft mit Wegsehen. Fangen wir heute damit an, hinzusehen.
Wir sind den ganzen Nachmittag für Sie da. Ich danke Ihnen – und wünsche uns allen einen Tag voller ehrlicher Gespräche.
Vielen Dank.


